Wallboxen im Mehrfamilienhaus: Wohnungszähler oder Zentralzähler?
Die Elektrifizierung einer Tiefgarage im Mehrfamilienhaus erfordert eine grundlegende architektonische Entscheidung: Woher beziehen die Wallboxen ihren Strom? In der Praxis haben sich zwei primäre Anschlussvarianten etabliert, deren Auswirkungen auf Skalierbarkeit, Lastmanagement und Netzanschlusskosten enorm sind.
Variante A: Anschluss an den Zähler des Mieters
Bei dieser Variante wird das Kabel der Wallbox physisch direkt an den bestehenden Wohnungszähler des jeweiligen Mieters im zentralen Zählerschrank angeklemmt.
Vorteile
- Abrechnung entfällt: Der Ladestrom fließt über den regulären Haushaltsstromtarif des Mieters. Der Energieversorger rechnet den Verbrauch zusammen mit dem Haushaltsstrom ab.
- Keine Backend-Kosten: Da keine externe Software zur Verbrauchsaufteilung benötigt wird, entfallen laufende Softwaregebühren.
Nachteile
- Keine Skalierbarkeit: Wenn 20 Mieter eine Wallbox fordern, müssen 20 separate Leitungen vom Zählerraum in die Tiefgarage verlegt werden. Dies führt zu massiven Brandschutz- und Trassenproblemen.
- Fehlendes Lastmanagement: Ein dynamisches Lastmanagement (zum Schutz des Hausanschlusses) ist über verschiedene private Zähler hinweg technisch extrem aufwändig bis unmöglich.
- Tarifnachteile: Der Ladestrom wird zum teuren Haushaltsstromtarif bezogen. Günstigere, steuerbare Autostromtarife nach §14a EnWG sind in dieser Konstellation schwer umsetzbar.
Variante B: Zentraler E-Mobilitätszähler (Empfohlen)
Bei der zentralen Lösung wird ein dedizierter, neuer Stromzähler ausschließlich für die Ladeinfrastruktur installiert. Von diesem Zähler geht eine zentrale Stammleitung in die Tiefgarage, von der per Stromschienensystem oder Flachkabel (Abzweigkästen) die einzelnen Wallboxen versorgt werden.
Vorteile
- Skalierbar und platzsparend: Es muss nur eine einzige dicke Leitung (Trasse) in die Tiefgarage verlegt werden. Neue Wallboxen werden einfach in das bestehende Schienensystem eingeklickt.
- Effizientes Lastmanagement: Da alle Ladepunkte hinter einem gemeinsamen Zähler hängen, kann ein lokaler Controller die verfügbare Kapazität dynamisch und sicher verteilen. Der Hausanschluss wird nicht überlastet.
- §14a EnWG Konformität: Der zentrale Zähler lässt sich vom Netzbetreiber (z.B. N-ERGIE) als steuerbare Verbrauchseinrichtung (SteuVE) anmelden, was zu stark reduzierten Netzentgelten führt.
Nachteile
- Software-Abrechnung zwingend: Der Energieversorger schickt dem Gebäude-Eigentümer eine Gesamtrechnung. Die Verteilung der Kosten auf die einzelnen Mieter muss über ein Software-Backend und eichrechtskonforme Zähler in den Wallboxen erfolgen (siehe hierzu unseren Ratgeber zur Abrechnung).
Fazit
Für einzelne Nachrüstungen in Bestandsobjekten mag der Anschluss an den Wohnungszähler verlockend einfach klingen. Sobald jedoch mehr als drei Stellplätze elektrifiziert werden sollen, führt an der zentralen Zählerstruktur kein Weg vorbei. Nur sie garantiert die technische Sicherheit des Gebäudes und ermöglicht einen späteren Vollausbau ohne Baukostenzuschüsse für teure Trafo-Erweiterungen.